„Hat mit Wertschätzung nichts zu tun“

Einen Tag nach dem Gespräch zwischen Bundestrainer Jogi Löw und den drei aus der Nationalmannschaft ausscheidenden Weltmeistern von 2014 meldet sich Thomas Müller mit diesen Worten zum Thema Wertschätzung.1

Fussball Wertschätzung Führungskräfte
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Ohne eine fußballerische Einordnung vornehmen zu wollen, ob das sinnvoll und für den Aufbau einer neuen Mannschaft notwendiger Schritt ist oder nicht – die 80 Millionen anderen Bundestrainer_innen sind da bekanntlich unterschiedlicher Meinung – höre ich im betrieblichen Umfeld bei Mitarbeitenden auch des Öfteren, dass man sich nicht genügend gewertschätzt fühle vom direkten Vorgesetzten oder von der Unternehmensleitung.

Was war passiert? Im Fall der Fußballer ist der Bundestrainer persönlich vor Ort gewesen und hat in 5minütigen Gesprächen seine Entscheidung mitgeteilt. Das nächste Länderspiel ist für den 20. März in Wolfsburg angesetzt. Das letzte Länderspiel fand im November 2018 statt. Kurze Zeit später erscheint auf der Seite des DFB eine vorbereitete Information über das Ausscheiden.

Anerkennung, Wertschätzung, Lob

In der Diskussion um Wertschätzung, Anerkennung und Lob kommt man schnell zu einem unscharfen Bild oder einer unscharfen Definition der Begrifflichkeiten.

Im Grunde sind Wertschätzung und Lob, aber auch Dank, Formen der Anerkennung.

Anerkennung drückt sich als Fokussierung auf Positive aus

  • bei einer Sache oder Person – als Wertschätzung
  • bei einer Leistung – als Lob
  • bei einem Einsatz/Engagement – als Dank.

Die Wertschätzung kann sowohl passiv (als Grundbedürfnis siehe Maslow) oder aktiv (als wertschätzende Haltung) betrachtet werden. Die wertschätzende Haltung äußert sich durch wertschätzendes Verhalten und ist an sich zweckfrei. Wertschätzendes Verhalten kann sich in Lob (für eine Leistung) oder Dank (für einen Einsatz) äußern. Allerdings lassen sich Lob und Dank auch dazu benutzen, jemanden zu etwas zu bewegen. Dann ist das Verhalten allerdings nicht mehr zweckfrei und im Grunde genommen auch nicht auf einer wertschätzenden Haltung basierend. Folglich kann ich aber auch jemanden für eine Leistung loben oder für ein Engagement einen Dank aussprechen, den ich nicht wertschätze.2

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Passive und aktive Wertschätzung

Die Wertschätzung (passiv) als individuelles Bedürfnis wird nicht immer mit dem entgegengebrachten Verhalten (aktiv) erfüllt. Da es sich um eine individuelle Sicht handelt, kann das Gegenüber auch nicht immer wissen, was der/die Andere sich unter Wertschätzung vorstellt.

Für die einen ist das ein Lob zur rechten Zeit, für die anderen ein Danke für ein besonderes Engagement. Das ist das Naheliegendste, weil wir vielfach nur diese Form kennen oder damit erzogen wurden. Für wiederum andere ist es das Gesehen werden, das Informelle Gespräch und das ehrliche Interesse an der Person, andere wiederum fühlen sich gewertschätzt, wenn sie vor einer zu treffenden Entscheidung einbezogen und nach der eigenen Meinung gefragt werden.

Nur: Wir können einander nur bis vor die Stirn sehen – nicht dahinter. Um herauszufinden, was mein gegenüber als Wertschätzung empfindet, gibt es ein einfaches Mittel: Kommunikation.

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut.

„Es war mir ein wichtiges Anliegen, den Spielern und Verantwortlichen des FC Bayern meine Überlegungen und Planungen persönlich zu erläutern“, heißt es auf im Statement von Jogi Löw auf der Seite des DFB.

Ja, damit drückt er aus, dass es ihm wichtig ist, das persönliche Gespräch zu führen. Die Beteiligten sollen die Nachricht nicht aus der Presse oder dem „Flurfunk“ mitbekommen. Gut gemeint. Leider drückt es auch aus, welche Art von Führung und Führungshaltung Jogi Löw damit inne ist. Ich habe hier den Hut auf, ich muss die Entscheidung treffen und verantworten.

Für die jüngere Generation kann allein schon Wertschätzung ausdrücken, in den Entscheidungsprozess mit einbezogen zu werden. Die eigenen Vorstellungen über das zukünftige Ausscheiden aus der Nationalmannschaft zu erfragen, oder die Vorstellung darüber zu äußern, wer einen einmal beerben könnte. All dies hätte zu einem empfinden von Wertschätzung beitragen können. Die letztendliche Entscheidung muss dann der Trainer treffen, das verstehen auch die Spieler, dahingehend hat sich Thomas Müller ja auch geäußert.3

Generation Y

Boateng (*1988), Müller (*1989) und Hummels (*1988) gehören der Generation Y an, einer Generation die beruflich klare Vorstellungen hat. Im Fußball gehören diese Herren zu den Spitzkräften.

Der Soziologe Klaus Hurrelmann und der Journalist Erik Albrecht fassen dies in Ihrem Buch Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere Welt verändert wie folgt zusammen: „Einmal im Beruf angekommen, wollten die 60 Prozent gut Gebildeter für ihr wertvolles Humankapital so viel Erfüllung, Freude und Anerkennung eintauschen wie irgend möglich. Sie lehnten Hierarchien und Reglementierungen ab und wollten einen Arbeitsplatz in einem Team haben, in dem sie keiner gängele und sie ihr Können unter Beweis stellen könnten.“4

Hier unterscheiden sich – wie in so vielen Unternehmen – die althergebrachte Hierarchie und Führung mit dem Bedürfnis und Selbstverständnis der jungen Leistungsträger.

Was bedeutet dies für Unternehmen und Führungskräfte

In der Diskussion um die Transformation der Arbeit, Agilität in der Führung, flache Hierarchien muss hier das ein oder andere Unternehmen seine gelebte Kultur in Frage stellen oder sie werden im Run auf die immer knapper werdenden Fachkräfte das nachsehen haben.

Kooperation Team Zusammenarbeit Wertschätzung
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Führungskräfte müssen eine wertschätzende Haltung einnehmen. Sich diese Haltung anzutrainieren bringt nichts, da sie sich dann in manipulativen Handlungen widerspiegelt, wenn sie nicht auf deiner wertschätzenden Haltung beruhen. Man kann aber die Haltung von Menschen stärken und so das individuelle Verhalten beeinflussen. Dies muss aber in der Unternehmenskultur eingebettet sein, und diese lässt sich nicht aufsetzen oder aufzwingen. Eine Unternehmenskultur kann aber gemeinsam bearbeitet werden.

Quellen:

1 https://www.dfb.de/die-mannschaft/news-detail/loew-plant-ohne-mueller-hummels-und-boateng-199284/

2 Matyssek, Anne Katrin: Wertschätzung im Betrieb, Norderstedt: Books on demand, 2011

3 https://twitter.com/esmuellert_

4 Klaus Hurrelmann, Erik Albrecht: Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere Welt verändert. Verlag Beltz, Weinheim 2014, ISBN 978-3-407-85976-1