Fehlzeiten und Präsentismus: Die Bettkantenentscheidung
Beim BVMW-Abend „Meeting Mittelstand – Connect in Castle“ auf Schloss Brake habe ich einen neuen Begriff mitgenommen: Bettkantenentscheidung.
Gemeint ist der Moment am Morgen, in dem jemand entscheidet: Bleibe ich liegen oder stehe ich auf und gehe zur Arbeit? Diese Entscheidung hängt zunächst von der körperlichen und psychischen Verfassung ab. Sie kann aber auch davon beeinflusst sein, was einen Menschen im Arbeitsalltag erwartet: Wie ist die Zusammenarbeit im Team? Wie verhalten sich Kolleginnen, Kollegen und Führungskräfte? Kann ich Belastungen ansprechen, ohne Nachteile befürchten zu müssen?
Das ist keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung. Krankheit hat viele Gründe, und aus einer Fehlzeit lässt sich nicht unmittelbar auf die Qualität der Führung schließen. Der Begriff lenkt den Blick jedoch auf eine Frage, die im betrieblichen Alltag leicht untergeht: Welchen Anteil hat die Arbeitssituation daran, ob Menschen sich gesund und arbeitsfähig fühlen?
Fehlzeiten und Präsentismus haben beide Folgen
Im Vortrag wurde mit rund 400 Euro Kosten pro Fehltag gerechnet. In dieser Rechengröße waren neben der ausbleibenden Leistung auch mögliche Folgen wie Mehrarbeit für Kolleginnen und Kollegen, zusätzliche Belastungen im Team oder verzögerte beziehungsweise entgangene Aufträge berücksichtigt.
Auch das Gegenteil kann Folgen haben: Wer krank zur Arbeit kommt, arbeitet womöglich eingeschränkt und kann andere anstecken. Dieses Verhalten wird als Präsentismus bezeichnet. Für Unternehmen ist daher nicht allein die Zahl der Fehltage interessant. Ebenso wichtig ist, ob Mitarbeitende sich trotz Krankheit verpflichtet fühlen, anwesend zu sein.
Als weitere Orientierung wurde im Vortrag eine Größenordnung von 15 bis 20 Abwesenheitstagen genannt. Rechnet man diese Zahl beispielhaft mit 400 Euro pro Tag, ergibt sich ein Betrag von 6.000 bis 8.000 Euro pro Person und Jahr. Das ist eine überschlägige Beispielrechnung, keine allgemeingültige Kostenkennzahl. Die tatsächlichen Folgen hängen unter anderem von Tätigkeit, Vertretungsmöglichkeiten, Teamgröße und Auftragslage ab.
Was die BWA nicht unmittelbar zeigt
Die Auswirkungen von Fehlzeiten stehen in der BWA in der Regel nicht als eigene Kostenposition. Sie verteilen sich auf unterschiedliche Bereiche: etwa Personalaufwand, Vertretung, Mehrarbeit oder Verzögerungen. Dadurch wird der Zusammenhang zwischen Fehlzeiten und den Bedingungen der Zusammenarbeit oft nicht sichtbar.
Ein erster Schritt kann sein, die eigene Rechnung genauer anzuschauen: Welche Kosten entstehen tatsächlich, wenn jemand ausfällt? Welche Aufgaben bleiben liegen? Wer übernimmt sie, und mit welchen Folgen für die übrigen Beschäftigten? Dabei sollte auch erfasst werden, ob Krankheitstage mit hoher Belastung, wiederkehrenden Engpässen oder ungelösten Konflikten zusammentreffen. Solche Zusammenhänge sind Hinweise für weitere Fragen – kein Beweis für eine einzelne Ursache.
Die Zusammenarbeit zum Thema machen
Unternehmen können die Bettkantenentscheidung nicht kontrollieren. Sie können aber Bedingungen beeinflussen, unter denen Mitarbeitende arbeiten: etwa durch realistische Aufgabenverteilung, klare Zuständigkeiten, frühzeitige Gespräche über Überlastung und einen konstruktiven Umgang mit Konflikten.
Hilfreiche Fragen an ein Team oder eine Führungskraft können sein:
- Wo entsteht bei uns regelmäßig Mehrarbeit, wenn jemand ausfällt?
- Können Mitarbeitende Belastungen frühzeitig ansprechen?
- Sind Aufgaben und Verantwortlichkeiten so verteilt, dass Ausfälle aufgefangen werden können?
- Gibt es Situationen, in denen Menschen trotz Krankheit arbeiten, weil sie sich nicht vertreten lassen können?
Dabei geht es nicht darum, Beschäftigte zu mehr Anwesenheit zu bewegen. Es geht darum, Zusammenarbeit so zu gestalten, dass Belastungen früher erkannt und angesprochen werden – und dass Menschen sich bei Krankheit erholen können.
Zusammenarbeit gemeinsam in den Blick nehmen
Der kostenfreie Klar-auf-Kurs-Check bietet einen strukturierten Einstieg, um die Zusammenarbeit im Führungs- oder Teamkreis zu reflektieren. Er kann sichtbar machen, wo Zusammenarbeit bereits trägt und wo sich Reibungen oder offene Fragen zeigen. Eine Bewertung von Krankheitsursachen ersetzt er nicht; er hilft dabei, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Danke an die Vortragenden für die Impulse und an den BVMW für die Einladung und den gelungenen Abend. Auch Schloss Brake und die Ausstellung im Weserrenaissance-Museum haben mich beeindruckt. Ein Besuch lohnt sich – auch unabhängig von einer Veranstaltung.
Hinweis: Die 400 Euro und die 15 bis 20 Abwesenheitstage sind hier ausdrücklich als Orientierungswerte aus dem Vortrag einzuordnen.
Häufige Fragen zur Bettkantenentscheidung
Was bedeutet „Bettkantenentscheidung“?
Die Bettkantenentscheidung beschreibt den Moment am Morgen, in dem jemand entscheidet, ob er oder sie trotz Beschwerden zur Arbeit geht oder zu Hause bleibt. Die Entscheidung kann von der körperlichen und psychischen Verfassung sowie von den Bedingungen im Arbeitsumfeld beeinflusst sein.
Was hat die Zusammenarbeit im Team mit Fehlzeiten zu tun?
Die Zusammenarbeit ist nicht die einzige Ursache für Fehlzeiten. Belastung, Konflikte, fehlende Unterstützung oder unklare Zuständigkeiten können aber dazu beitragen, wie Menschen ihre Arbeitssituation erleben und ob sie Belastungen frühzeitig ansprechen.
Was ist Präsentismus?
Präsentismus bedeutet, trotz Krankheit oder gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit zu kommen. Dadurch kann die eigene Leistungsfähigkeit eingeschränkt sein; je nach Erkrankung können auch Kolleginnen und Kollegen angesteckt werden.
Sind 400 Euro die allgemeinen Kosten eines Fehltags?
Nein. Die rund 400 Euro wurden bei der Veranstaltung als Rechengröße genannt. Die tatsächlichen Kosten hängen unter anderem von der Tätigkeit, den Vertretungsmöglichkeiten und den Folgen für Team, Abläufe und Aufträge ab. Unternehmen sollten die eigene Situation anhand ihrer Daten prüfen.
Wie können Unternehmen die Kosten von Fehlzeiten besser einschätzen?
Unternehmen können neben den direkten Ausfallzeiten auch Vertretungsaufwand, Mehrarbeit, Verzögerungen und mögliche Auswirkungen auf Aufträge betrachten. Diese Folgen erscheinen in der BWA meist nicht als eine einzelne Kostenposition. Eine eigene Schätzung sollte deshalb die betrieblichen Abläufe und Annahmen offenlegen.
Kann bessere Zusammenarbeit Fehlzeiten reduzieren?
Gute Zusammenarbeit kann helfen, Belastungen früher sichtbar zu machen und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Sie garantiert jedoch keine bestimmte Verringerung von Krankheitstagen. Ziel sollte sein, Gesundheit und Zusammenarbeit zu stärken – nicht, erkrankte Beschäftigte zur Anwesenheit zu bewegen.
Was bietet der kostenfreie Klar-auf-Kurs-Check?
Der kostenfreie Klar-auf-Kurs-Check ist ein strukturierter Einstieg, um die Zusammenarbeit in einem Führungs- oder Teamkreis zu reflektieren. Er kann Stärken, Reibungspunkte und offene Gesprächsthemen sichtbar machen. Er diagnostiziert keine Krankheitsursachen und verspricht keine Reduktion von Fehlzeiten.